Deren Wursträdchen zwei

Walter darf mit Fug und Recht als mein erster Freund bezeichnet werden. Damit meine ich, davor hatte ich nicht einmal eine Freundin. Kennengelernt haben wir uns entweder im Kindergarten oder auf dem Weg dorthin, denn wir wohnten beide in derselben Strasse in je einem verbrecherischen Betonwürfel, während der Kindergarten gegenüber aus einem alten märchenhaften Herrschaftshaus bestand, in welchem wir Kleinen zu Erwachsenen umgemodelt wurden. Selbstverständlich gab es auch einen Garten mit Rutschbahn und Flecken von Wiesen, um loszuschreien. Walters italienisches Haar war so glänzendglatt, von der Farbe des Ebenholzes, als hätte es ihm ein Meistermaler aus dem Heimatland auf die Kopfhaut gepinselt. Er war von schlank-schlenkerndem Wuchs, wohingegen meine Robustheit die Rollkragen-Pullover, die meine Mutter mir überzog, für gewöhnlich bis zum Anschlag brachte. Wie oft Walter bei mir oder ich bei ihm gewesen bin, vermag ich nicht mehr auszuloten, aber ich sehe ihn noch meiner Mutter höflichst die Hand reichen, als stellte sie eine Majestät dar, die nicht gesittet am Stubentisch sitzt, sondern eben thront und ein gutes Verhältnis zu den Untertanen pflegt. In Walters Wohnung gab es eine offene Küche mit so etwas wie einer Bar als Raumteiler, Sämtliches in seiner Unerheblichkeit glatt zum Vergessen; was uns jedoch an seinem Neubau immer wieder faszinierte, waren die im Autosalon zu ebener Erde ausgestellten spiegelblankpolierten Sportwagenexemplare, von denen wir uns weder vorstellen wollten noch konnten, wie sie sich auf der Strasse machen würden, sondern sie schienen gerade dazu da, unsere Augen zu verzücken, die immer murmelrund wurden voller Verheissung. Am meisten angetan hatte es uns ein dottergelber Dreiplätzer, mit drei hohen, schmalen Sitzen vorne und sonst nichts, der für mich, schon rein aufgrund der Farbe und der Raketensitze Geschwindigkeit schlechthin versinnbildlichte. Dieses Modell blieb während Jahren unverändert strahlend im Ausstellungsraum, mir schien auch, ein eventueller Kaufinteressent hätte mich und meine Augen um Erlaubnis bitten müssen, bevor er davonbrauste und somit etwas Stabiles aus meiner Erinnerung schnitt.

Walter kündigte mir die – wie sich herausstellte – zerbrechliche Freundschaft auf, nachdem ich, wie er lautmalerisch ausführte, im Metzgergeschäft beide Wursträdchen , ‚hap-hap‘, an mich gerissen und vertilgt hätte, so dass ein Walterlein leer ausging, denn die Aufschnitt-Schneidemaschine in ihrem gleichmässigen Surren produzierte kein weiteres Rädchen mehr für ihn, die Verletzung der Gleichbehandlung wurde auch nicht durch die unaufmerksame Metzgersfrau ausgeglichen, die zwar immer den Kindern extra etwas abschnitt, allerdings nicht über die gerechte Verteilung wachte. Seine Darstellung meines so argen Vergehens begleitete Walter mit einer zierlichen Gestik, in der die Hände sich die vorgestellten Rädchen eines nach dem andern von der Theke schnappten und zum Kindermund führten, der sie verschlang, praktisch ohne zu kauen schluckte, ‚hap-hap‘ machte Walter, bevor er den Schnabel schloss und mich vor der hohen Glashaustür während eines unserer zahlreichen Heimwege abstellte.

Während mir jede Erinnerung an die folgenschwere Episode an der Wursttheke fehlt, erinnere ich mich dagegen exaktestens, wie ich bereits damals nicht die geringste Erinnerung daran besessen hatte, dessen ich bezichtigt wurde, ob ich folglich zu Recht oder Unrecht beschuldigt worden war, weil ein solches Ereignis in meinem Kindergarten-Kosmos keine Gedächtnisschwere besass. Sodass ich beim umgekehrten Vergehen, hätte Walter sich die Häppchen geschnappt, ich dieses zwar gesehen, aber wohl auch übersehen, darüber hinweggesehen wie –geschwiegen hätte, es keine Silbe oder Sekunde lang erwähnt, sondern vielmehr auf sich hätte beruhen lassen, sei es des Friedens, der Freundschaft, selbst der reinen Luft zuliebe, denn was war mir ein Wursträdchen oder auch deren zwei.

Zur gleichen Zeit zurück im Kindergarten kam es zu dem Vorfall, der auf einen willkürlichen Einfall meinerseits zurückging, einer Puppe auf den Kopf zu hauen, die mir quasi wie ein Baby von einer sich wie eine Madonna gebärdenden Mitkindergärtnerin hingehalten wurde. Diese lächerliche, allenfalls lachhafte Tat, die man mindestens ebenso gut auf sich hätte beruhen lassen mögen, wurde jedoch von allen nicht bloss registriert, sondern gleich einem wahrhaftigen Verbrechen behandelt. So drehten sie ihre Köpfe hin zum malträtierten Puppenkopf, blieben die Köpfe in dieser Drehung oder Schraubung auf den Hälsen stecken für geschlagene Sekunden, bis Frau Denser, auf deren Kopf eine hochtoupierte Turmfrisur in Weizenblond feststeckte, eingriff und mich zurechtwies. Aus dem altersüblichen Rollenspiel, in dem Mädchen ein ersehntes Mütterdasein nachäfften oder gummistinkende Puppen als Jesuskindlein herzuhalten hatten, war humorloser Ernst geworden; ich würde auch einen richtigen Säugling hauen, so schlussfolgerte man, da es mir ja beim Stellvertreter schon nichts ausmachte. Die gut konfektionierten Mädchen mieden mich danach für eine Weile, wusste man doch nie, wann ich wieder loszuprügeln gewillt war. All ihre übersteigerten Reaktionen liessen mich überraschend kalt, mit ein bisschen Fremd- oder Isoliertsein kam ich damals problemlos zurecht. Was mich aber in den Grundfesten erschütterte und wer weiss den ersten Stein im Fundament meines noch grünen Selbst lockerte, vom Mörtel löste, war der allwissende Sankt Nikolaus, der Ende des Jahres noch immer mein Puppengehaue mir vorhielt, mir gar das Ganze vor allen als mich kennzeichnende Eskalation schilderte, bei der er dabei gewesen zu sein schien, was mich in lodernde Angst versetzte. Ich dachte, alles, was ich tue und überall, wo meine Finger stecken, wird von ihm und seinen Gehilfen aufs Peinlichste niedergeschrieben, dem könne ich ebenso wenig entgehen, wie ihm je etwas entgehen würde. Deshalb saß ich vor dem Weihnachtsrichter mit aufgerissen-ausgetrockneten Augen und quetschte meine Finger, wie um sie zu strafen. Er wird auch von den beiden Wursträdchen wissen, schlossen die Gedanken in meinem sich ausbreitenden Hirn kurz; darum suchte mein Blick das Walterkind, das aber seelenruhig dasaß und die Nägel der linken Hand studierte, als könnte es daraus lesen.