„…, dass ich so traurig bin“
‚Die Luft ist kühl und es dunkelt‘, singt Heine und mit ihm die Loreley, doch geht man dem Gedicht auf den Grund, ist, was die Schiffer betört, zuerst hinauf-, dann hinunterzieht, nicht der Wortlaut, vielmehr die Melodie des Märchenliedes der Goldhaarigen, dessen Stimmung oder Grundstimmung. Als Nildar mit mir die kurvige Felsstrasse immer hart am Limit hochpreschte, die zu der Schönen mit dem goldenen Kamm führte, bestaunte ich neben den Burgen, die links und rechts wie Pilze aus dem Boden schossen, den krummen Wuchs von allerhand Bäumen, die sich um den Felsen rankten wie in einem Liebesspiel. Dort, wo sie die Oberhand gewannen, grünte ein Walddach so üppig, einem Urwald gleich, eifersüchtig jeden Blick auf den nackten Fels verdeckend. Wie immer, wenn mit Nildar unterwegs, plätscherten die Worte munter vor sich hin. Selbst nach den kalten Duschen, die es fertigbrachten, mein noch schönes pochendes Herz schockzugefrieren, suchte sich nach Minuten der Verstimmung der Gesprächsfluss wieder seinen Lauf, unverzagt und unbeirrt. Was Nildar ja auch zugutegehalten werden mag, die wenige Zeit, die wir uns zuteilten, nicht in dumpfem Brüten wegzuwerfen. Meine Versöhnungswilligkeit tat ihr eigenes.
Während also der Audi in bretterndem Tempo die Klippe nahm, meinte ich zu fühlen, wie über mir die Felsenlandschaft sich zusammenzog, dicht machte wie der Bund eines Turnbeutels; über mir gezackter Stein und grünes Blätterwerk einen neuen Himmel bildeten, um mich so einzulassen in die Sagenwelt der Faune und Feen, Prinzengestalten und Trolle, Ritter und Einhörner, deren aller Königin das goldene Haar sich kämmte im nie untergehenden Abendsonnenschein. Was gleichzeitig Nildar an meiner Seite empfand, wagte ich nicht einmal zu spekulieren, denn so hirnrissig schienen alle meine Annäherungsversuche an seinen Geist und Charakter, weltfremd meine Auslegung des Kosmos Nildar. Während er also steuerte und bemerkte, lullte mich mit steigendem Ohrendruck die Sagenwelt ein, wisperten kleine Stimmen unter kleinen Blättchen hervor, ja schien mir vieles um einiges leichter zu werden, spürbar an Gewicht zu verlieren, als Nildar plötzlich, ganz ohne Stockung wie in der Werbung, den Wagen rückwärts in die Lücke fuhr und den Zündschlüssel drehte.
Vorbei am Besucherzentrum war die Orientierung hin zum Aussichtspunkt so einfach wie üblich und vertraut für Kulturerbegänger und bald schon standen wir da, wo einst das goldblitzende Geschmeide den Ritter Eberhard fatalerweise unachtsam sein liess, worauf sich auch die Goldloreley mitsamt goldenem Kamm den Fluten hingab.
Da mir wichtig schien, den heutigen Schiffern und Schiffen zuzuschauen, wie die Klippe zu umschiffen sei, warteten wir mehrere Kähne und Vergnügungsdampfer ab, die sich zweckmässig weit ausholend durch den Rheinbogen strömen liessen, um dann von neuem Fahrt aufzunehmen. Dieses Schauspiel schien mir faszinierend genug, um entzückt wie ein kleines Mädchen die längste Zeit über dem Geländer zu hängen, so dass Nildar schliesslich, um meine Augen abzulösen, zwei Fotos schoss, die im Bild festhielten, worin das Paar versunken war.
Im Besucherzentrum ging es reichlich Deutsch zu: Die üblichen Familien mit zwei blonden Wuschelkopfkindern bestellten zum Kännchen Kaffee Käsekuchen und/oder Buttersahnetorte. Um nicht abzufallen, taten wir es ihnen gleich. Für einen Euro gab es „Die Loreley“ ab Band von einem Schauspieler runtergeleiert; ausser mir kramte keiner mit Begeisterung die gewünschte Münze hervor. Nildar stand lächelnd dabei.
Kurz danach fuhren wir zurück durch die gebirgigen Taunustannentäler; auf all den mäandernden Serpentinen war mir klar, dass Nildar weniger seine virtuosen Fahrkünste demonstrieren wollte – er war gewiss überzeugt, bei mir Eindruck auf Vorrat geschunden zu haben – vielmehr bloss seinen Spass suchte auf Strassen, welche für das Auto keine, jedoch für ihn eine Herausforderung und für mich eine Anspannung bedeuteten. Wir gelangten in den völlig verwunschenen Wispertalwald, Sonnenstrahlen bahnten filigran gleich Spinnweben sich ihren Weg, von zartfingrigen Zweigen hing fragiles Blätterwerk. Das schmucke Bad Schwalbach mit so poetischem Namen liessen wir rechts liegen. Schwärme von Motorradfahrern bildeten eine Art Schweif hinter uns. Mehr als einmal hielt Nildar an der Seite, um ihnen ihren Spass zu lassen.
Nildar philosophierte über Frauen auf Motorrädern, ich sagte meist: „Ich auch“. Bald schon erreichten wir das Magnetfeld der Stadt Frankfurt, fuhren vorbei an der wie ein gigantischer, silbernbeschuppter Lindwurm scheinenden Empfangshalle des schlaflosen Flughafens. Die schwindelerregenden Vögel über uns schienen stehen zu bleiben und ihre weissschimmernden Bäuche zu präsentieren. Dabei entrückte mir Nildar so sehr, dass es mir gelang, am Ende des Wochenendes, kurz vor Erreichen des Hauptbahnhofs im Herzen Hessens mein Herz zu versiegeln.