Fürchterlich leid

Nachdem sich mein Erspartes um die 13‘000 Franken herum eingependelt hatte, hielt ich eine sogenannt grössere Anschaffung für angebracht, aber wer an einen Neuwagen denkt oder eine Ledersofagruppe, liegt verquer; vielmehr kreisten meine Gedanken schon lange um ein Pferd, das mein Eigentum werden wollte. Und nachdem ich ein Weniges ausprobiert, einschlägige Inserate zur Kenntnis genommen hatte, blieb mein Auge in einer Zeitschrift für Tiere an einem Druckfehler hängen, der mir ein sechsjähriges Warmblut mit ‚einamligem Exterieur‘ versprach. Aus diesem Druckfehler sollte kurz darauf mein heissgeliebter Wallach Primo werden, nachdem ich auf einem Probeausritt alles dem Wunsch entsprechend gefunden hatte. Kaum hatten wir den ersten Winter, sehr zu unserer Zufriedenheit, hinter uns gelassen, als meine Verwandtschaft das hochgepriesene Wunderwerk auf vier Beinen zu besichtigen wünschte, und zwar im Naturzustand, d.h. sich nicht weiter mit Polaroid-Bildern oder lebensechten Erzählungen abspeisen liess.

Da weder meine Tanten noch mein Vater gut zu Fuss waren, wurde eine luxuriöse Taxifahrt organisiert, in geräumigen Mercedes-Wagen mit hellen Ledersitzen und verschwenderischer Beinfreiheit. Als schliesslich alle aufsehenerregend auf dem auf einer Hügelkuppe gelegenen Bauernhof eingetroffen waren, stand Primo bereits auf seiner sonnengewärmten Nachmittagsmatte und war ich somit nicht bereit, ihn vom Grasen abzuhalten, um ihn als Paradepferd vorzuführen. Der gewohnte Tagesablauf hatte über den Besitzerstolz oder die Zuvorkommenheit gesiegt, wofür ich mich schämen sollte. Die armen Verwandten wurden stattdessen – wenn das Pferd nicht zur Familie kommt – strategisch geschickt platziert, sodass sie von allen Seiten einen Augenschein von meinem Sonnenschein nehmen konnten. Meinen verzögerten Vater, der damals schon nicht mehr wusste, wie ihm geschah, setzten wir in die Hofmitte, wo er kräftigem Kuhdunggeruch wie ebenso strengem Vorfrühlingswind ausgesetzt war. Während also meine Familienmitglieder vorfreudig und mit hohen Erwartungen sich umständlich eingefunden hatten, betrieb ich keinerlei Aufwand, um ihnen vielleicht noch eine besondere Freude zu bereiten. Ich hätte ihnen mit Begeisterung, wie es andere auch, und scheinbar mit Leichtigkeit, tun, eine Vorstellung liefern, Primo schön frisieren und schmücken können, er hätte sich streicheln und beklopfen lassen, wäre dagestanden wie Marmor, die Blutsverwandten hätten seine grundtiefen Augen hautnah erlebt. Nichts von allem tat ich, ich liess ihn fernbewundern, als wäre er ein rares Wildtier. Im unumkehrbaren Nachhinein tut mir dies fürchterlich leid. Immerhin hatten sie mit konstanten Beiträgen zu Primos Erwerb beigetragen, um mir eine Lebensfreude zu bereiten. Mag dieser Text als Abbitte gelesen werden, sie für ihren Uneigennutz entschädigen. Von der Verwandten Warte her wurde der Besuch beim anschliessenden üppigen Kaffee verblüffenderweise als Erfolg eingestuft, mein Primo in den höchsten Tönen gepriesen, gar zu den schönsten Geschöpfen gezählt.

Auch meine Mutter hatte sich einmal vor nicht wenigen Jahren auf den Weg in den Reiterhof gemacht, als ich noch einfache Reitschülerin war und mir ihre Visite ungelegen kam, weil sie dort wenig mit sich und ich nichts mit ihr anzufangen wusste. Da es Winter schon war, darüber hinaus einer der letzten vor dem Klimawandel, wollte sie nicht während einer Stunde Reitunterricht auf der Tribüne sitzen und mir beim Hin- und Herhampeln zuschauen. Deshalb ging sie in den mit Clubraum beschrifteten, einzig beheizten Ort vor Ort, um dort am liederlich abgeräumten Tisch mit den Händen im Schoss auf mich zu warten. Diese Pose war mir bei ihr sehr vertraut und sie benutzte sie oft vor dem Fernseher oder beim Radiohören. Da ich mich nicht beeilte, sondern Pferd und alles Zubehör wie mir gelernt wurde, versorgte, streifte sie mit der Zeit ihre Handschuhe ab, um die von tausendjähriger Hausarbeit verhutzelten Hände übereinanderzufalten.  Mit einiger Sicherheit lehnte sie die von mir angebotene, leidlich heisse Kaffeeautomatenschokolade ab, die wiederum mich, wohl aufgrund ihres hohen Zucker- und Schokoaromagehaltes regelmässig zu verführen vermochte. Bald jedoch, auch aufgrund der zwischen uns herrschenden eingefleischten Wortkargheit, machten wir uns in kalten Schneevorboten bei glitzerndem, eindunkelndem Himmel auf den Weg zur Bushaltestelle, den ich üblicherweise springend zurücklegte, jetzt allerdings, spezielle Situation, mit Mutter gemessenen Schrittes. Die abgeblätterten Siedlungen am Waldrand gewannen eigentümlich in der sie einhüllenden Vorabend-Winterstimmung. Je mehr wir uns dem Zuhause näherten, desto sicherer fühlte sich Mutter in ihrem Element, umso blasser erschien meine Distanz. Erst zu Hause stellte sich heraus, dass sie ihre flauschigweichen, apricotfarbenen Handschuhe vermisste, die aus edler, die verbrauchten Hände nicht beissender Babywolle aus dem sternennahen Kaschmirtal von ihr für sie gestrickt worden waren. Mir ging das damals wenig nahe, vielleicht auch weil ich mit den eigenen Problemen gerne wie mit schweren Koffern am Bahnhof stehengelassen wurde. Ich schaute vor dem nächsten Reitabenteuer nach in der Garderobe, schaute nach im Clubraum und dabei liess ich es bewenden. In ihrer Qualität als etwas Schönes einerseits, in ihrer Einheit als Paar andererseits gab ich die Handschuhe ohnehin verloren.  Die dem entgegenlaufende Wertschätzung meiner Mutter gewichtete ich damals leicht. Sie hatte dem Handschuhpaar als etwas nicht Alltäglichem Sorge getragen, es geschätzt als Händetrost. Auch hier: Fürchterlich leid. Um mich ein wenig zu verteidigen, füge ich an, dass mir am gleichen Ort bei anderer Gelegenheit mein Geldbeutel samt Bahnkarte abhandenkam, was ich ebenso auf die leichte Schulter nahm. Ich rief schlicht eine Freundin mit motorisierter Mutter an, damit diese mir mit dem Auto zu Hilfe eilten. Um Materiellem nachzutrauern, war mir mein Kopf zu kostbar.

Dann noch Jahre später, als ich eines Abends Hals über Kopf dem notfallmässig herbeizitierten Hufschmied in den Stall nacheilte, um ihm auf die russigen Finger und Primo auf das neuaufgenagelte Eisen zu schauen, das er sich in sorglosem Übermut abgerissen hatte, sollte ich am nächsten Tag erfahren, dass Mutter mir in der hellen Aufregung zwar nachgefahren war, jedoch mangels präziser Angaben oder auch Orientierungssinn schlicht bis zur Haupthaltestelle des Vorortes fuhr, wo Primo aufgestallt war, da ich dort bestimmt vorbeikommen müsse, was mir im Traum nie eingefallen wäre, die bereits über ein Auto, aber nicht über ein Handy verfügte. Dieser mütterliche Narrengang, wie wir hier sagen, rührte mich, gerade weil er nicht an die grosse Glocke gehängt wurde, wie auch bei Gelegenheit gesagt wird, sondern Mutter unverrichteter Dinge im leeren Tram, die welken Hände im stillen Schoss, wieder zurück in ihre stets glänzend gehaltene Wohnung im dritten Obergeschoss rechts fuhr.

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