Das letzte Frankfurt am Main
Grundsätzlich waren sämtliche Zugfahrten heim von Nildar ein Desaster, was nicht so gravierend ins Gewicht meines Lebens fällt, da sich die Summe auf deren zwei beläuft. Während ich, während der ersten Heimreise, hauptsächlich innerlich verstört bis zerstört sass, sodass ich die äusserlichen Pannen mehr wie etwas unvermeidlich mir Anhaftendes annahm oder resorbierte und mein Ärger mir kein Ventil verschaffte, sondern nach stichflammigem Auflodern kümmerlich implodierte, lebte ich mich auf meiner zweiten Reise in meiner Wut über all die gravierenden Unzulänglichkeiten der Deutschen Bahn dermassen aus, dass ich damit erfolgreich meine eigentliche Wut, meine brennende Empörung über Nildars Benehmen überspielte, ja glatt an die Wand spielte.
Vor diesem zweiten Heimreisefiasko hatten Nildar und ich an sich schöne Tage miteinander verlebt, nachdem ich die Kröte widerwilligst geschluckt hatte, die aus soeben verbrachten Ferien Nildars mit seiner Freundin auf Abruf, die ich länger schon Ex wähnte, bestand. Diesen Wurm hatte ich Nildar in einer Frankfurter Eisdiele aus der Nase gezogen, einem vollbesetzten Strassencafé, das seine Italianità schamlos feilbot, indem auch das Eis in Form von Spaghettivanillewürmern daherkam, verziert mit einem Klacks Erdbeersosse, die Tomatensosse simulierte. Wie immer war Nildar, wenn er Unangenehmes zu berichten hatte, nicht besonders wortreich, sondern gab die verlangten Auskünfte gleich wie in einem Verhör, wenn auch wahrheitsgetreu. Auf diesen kalten Schock im Eiscafé, auf den ich gänzlich unvorbereitet war, war ich lediglich gestossen, weil Nildar aufgrund einer Lebensmittelvergiftung unser Wochenende ohnehin kurzfristig hatte abblasen wollen und nur wegen meines vorzeitigen Kaufs der Fahrkarten, der nicht mehr rückgängig zu machen war, wir das Ganze beliessen, wie ursprünglich geplant. Üblicherweise kaufte ich mir Bahnkarten erst kurz vor der Abreise am Schalter oder später am undurchdringlichen Automaten, immer den klugen Blick gerichtet auf das plänedurchkreuzende Schicksal. Da mir immer noch eine kleine Skepsis innewohnte, als ich joghurteislöffelnd Nildar gegenübersass, bezüglich der Fingiertheit oder Echtheit seiner Vergiftung – immerhin sah er aus wie ein Mann in den stärksten Jahren – erlaubte ich mir die Frage, wo er sich denn nun diesen Käfer geholt habe, worauf er erst einmal das fatale Muschelessen eingestand, dann beim Weiterbohren die Reise drumherum, das mit wo, das mit wem und mit wie. Damals noch war meine Abhängigkeit von Nildars Anwesenheit knüppeldick, weshalb ich es unter keinen Umständen fertiggebracht hätte, wie eine selbstsichere Madame aufzustehen und ihn bei dem cremig-sämigen Speiseeis sitzenzulassen, seiner ersten wenigstens halbfesten Nahrung seit Tagen, wie es ihm recht geschah. Stattdessen blieb ich psychisch kastriert auf dem Stuhl kleben und versuchte mich, ähnlich einer Katze nach einem traumatischen Aufenthalt im Tierheim, erneut zurechtzufinden. Dank meiner Bereitwilligkeit einerseits, meinem Ausgeliefertsein, nicht zuletzt auch dank meinem Unwillen vergeblich angereist zu sein, einem Pragmatismus folglich, der mich, indem ich ihn hochhielt, über Wasser hielt; andererseits dank Nildars Unbekümmertheit und Geschmeidigkeit praktisch jeder Situation gegenüber, solange sie nicht nur aus Ecken und Kanten bestand, brachte er es fertig, mich wieder klar Schiff zu machen sowie in Ruhe meinen kolossalen Eisbecher aufzuessen, gleich wie die Fett ansetzende Mutter die Reste der sprunghaften Sprösslinge sich zu Gemüte führt, um so der Verschwendung vorzubeugen.
Hätte allerdings die vermeintliche Ex selbst an Kotzdurchfällen gelitten, hätte mir das wenig Genugtuung verschafft, da mein Schmerz nie nach aussen in Form von Rache oder wenigstens Schadenfreude wuchs, sondern stets nach innen in Form von Zerfleischung. Deshalb spazierten wir später, als es nichts mehr zu sagen, bloß noch zu bemerken gab, zum Main, um uns an diesem begradigten Wasser, das mir immer eher wie ein Kanal erschien, also mehr wie etwas, an dem zu verweilen sich gar nicht lohne, unter die Leute zu mischen, in aufgebesserten Schiessbuden Getränke zu holen und die Beine hängen zu lassen, die so viel sie auch hingen, unmöglich nass werden konnten vom tieffliessenden Nass, zu dem keine Verbindung herzustellen war. Später sahen wir den Main auch noch vom Balkon in gehobener Wohnlage aus, ohne dass er Punkte gutzumachen wusste. Auch die Skyline empfahl sich mir wenig, während rings um mich die Ahs und Ohs anfingen, als in den Türmen die Lichter angingen wie Sternenklüngel am tintenschwarzen Himmelsarchiv. Zu diesem Zeitpunkt war Nildar längst wieder in der Rolle des Unterhalters und Witzemachers, eben wie einer, der es seinem Leben schuldet, eine gute Zeit hinter sich gebracht zu haben. Auch ich fügte mich in die Rolle der Freundin auf Besuch, denn wenn ich schon nicht auf und davon war, konnte ich nun auch nicht sauertöpfisch herumsitzen; ein Benehmen, das mich bei andern meist furios ärgerte und in neun von zehn Fällen von Frauen praktiziert wurde, die sich ihrer Umgebung sicher waren. Auch später bei Nildar endlich, wo ich zuvorkommend bewirtet wurde sowie am darauffolgenden Flanier- und Spazierfahrttag hielt ich meine Wut, nicht zuletzt die über meine geschwächten Selbsterhaltungsimpulse, unter Dach und Fach, um schliesslich den ganzen Dampf am einkalkulierten, fast schon erwünschten Unvermögen der Deutschen Bahn abzulassen, die mich in grenzüberschreitenden 6 Stunden 30 Minuten von Frankfurt nach Basel beförderte, einem Tempo also, das bereits zu Nietzsches Zeiten zu heftigen Entrüstungsstürmen geführt hätte. Natürlich bescherte mir dies genug Zeit, um auszurechnen, wie auf jede gefahrene Minute eine Minute Verspätung folgte, die Fahrt demnach, in so etwas wie umgekehrter Lichtgeschwindigkeit, Zeit und Raum verschmelzen liess.
Die meiste Zeit über schien der Zug gar nicht zu fahren, vielmehr sich auszuruhen, sei es vor Karlsruhe, sei es mitten auf der Strecke, sei es im schwach belebten Bahnhof selbst, zur Freude aller Verspäteten. Leider war ich derart gereizt und missgestimmt, dass ich die geschenkte Zeit kaum schlau zu nutzen wusste, denn es war mir doch klar, dass ich einfach später und noch später nach Hause kommen würde, und dies das Schlimmste sei, was eintreffen könne. Da ich wie immer mit hochkarätiger Lektüre versehen war, nämlich dem Dekameron mit seinen 100 Novellen für genau solche Gelegenheiten, hätte ich folglich in mich und diese versinken können, bis endlich der Zielbahnhof – welch selten blödes Wort – dem Zug entgegengeeilt wäre. Doch alles, wofür ich empfänglich war, waren mein unglaublicher Ärger auf die misslichen Umstände, die eigenartig kratzenden synthetischen Sitzpolster, die Anzeigen, die sich selbst zu verhöhnen schienen in ihrer steten Korrektur der zu erwartenden Abfahrtszeiten oder Endverspätungen, die Kommentare der anderen Fahrgäste, unter denen die Fatalisten vorherrschten, der leutselige Schaffner, der nicht aus der Fassung zu bringen war und gutmütig-geduldig Belehrungen über Rechte und Vergütungen vorbrachte. Zur Besänftigung wurde in der Stunde vor Mitternacht sogenanntes Notfallwasser verteilt, wovon ich mir in lächerlicher Habgier gleich mehrere Flaschen sicherte, einfach um irgendwie entschädigt zu werden. Bestimmt hatten aber all die Unaufgeregten Recht, da sassen wir eben und mussten uns gedulden, wir konnten den Wagen ja nicht anschieben. Sich irgendwo im Streckennirgendwo eine Unterkunft zu suchen, war auch keine gute Idee, es peitschte der Regen, es knickte der Wind die Bäume, liess sie auf Leitungen krachen und Masten brechen. Ich als Schaffnerin hätte mich gar nicht mehr unter die Reisenden getraut, doch dieser setzte sich jeder Hysterie und jeder Attacke aus, genauso wie der Zug dem Wetter, stoisch stehenbleibend. Er nötigte mir Bewunderung ab; der Schaffner, nicht der Zug. Bereits in Karlsruhe ruhten wir ausgiebig eine geschlagene Stunde. Manch Reisender kochte das Gerücht hoch, es würde wohl unser Nachtlager, was die Vorsorglichen, welche sich eine Übernachtung im Wagon weder zutrauten noch zumuteten, dazu veranlasste, sich nach Hotels in Bahnhofsnähe zu erkundigen. Ich dagegen hatte felsenfest vor, in Basel, wenn auch nicht zu übernachten, so doch anzukommen zum frühestmöglichen Zeitpunkt, den widrige Umstände mir gestatten würden. So blieb ich kleben an meinem reservierten Sitz, den ich mir wenigstens nicht hatte erkämpfen müssen wie normalerweise üblich auf besagter Strecke. Niemanden hatte ich bitten müssen, das bequeme Lager zu räumen und mir freizugeben, noch brauchte ich mich über die Berechtigung meiner Reservation zu streiten, wie es mit einem vertrauenswürdigen Geschäftsherrn auf der ersten Nildar-Heimfahrt geschehen war, der zu meiner Schande Recht bekommen sollte, da meine Reservation erst für den darauffolgenden Tag galt. Auch damals schon kochte mir die Galle über und ich glaubte, in mir befände sich mindestens so viel Hass wie in der Schneewittchen-Königin. Doch dann liess ich mir in der Folge irgendwo einen Platz von Gepäck freischaufeln und setzte mich unkommunikativ wie eine Grundmine neben etwas Schwabbelbäuchiges, um mich runterzukochen. Während der zweiten Debakel-Fahrt nun schrieb Nildar gleich mehrmals, um über den Verlauf der Reise auf dem Laufenden, besser vielleicht dem Stehenden gehalten zu werden. Ich konnte es mir leisten, ihn keiner Antwort zu würdigen. Tatsächlich hatte ich nicht einmal Lust dazu; alles, was ich noch wollte, war mit der Decke über dem Kopf zu vergessen oder das Vergessen schlechthin, in etwas hineinzuschlafen, das einen sauber gefiltert wieder aufwachen lässt, mit hübschen Gedanken, die sich nicht mir nichts dir nichts in Wattenebel auflösten, vielmehr zu Erinnerungen taugten.
Tatsächlich war es frühester Tag, als ich endlich aus dem Zug trat, die Tasche nach wie vor beschwert mit gehortetem Notfallwasser; die Luft schien mir gut und so beschloss ich, die lang eingepferchten Beine marschieren zu lassen, mich wieder zu tragen und zu ertragen beim noch strahlenden Licht unseres angeketteten Trabanten.