Narziss im Untergrund
Folgender Traum fand in einem Fahrradparking im niederen Souterrain oder Untergeschoss statt und mit diesem Untergrund war, was man sofort einsieht, nicht irgendeiner gemeint, sondern mein tiefliegendes Unterbewusstes, in dem sich, wie es den Anschein hat, die Narzissten tummeln, nebst all den abgeschlossenen und somit blockierten Rädern, die entweder Erinnerungen darstellten oder Emotionen, jedenfalls festgehaltene oder festgefahrene. Da es nur trübes Licht gab und man glaubte, die Decke komme näher, versuchte ich hindurchzueilen, so rasch es ging, um zum nächsten Treppenaufgang zu kommen, somit wenn schon nicht ans Tageslicht, so doch wieder unter den grosszügigen Himmel, der einem weniger drückend vorkam. Da wurde ich von einem jungen Mann angesprochen, der mir in seiner blondgelockten Pracht ein Lächeln abnötigte, auch wenn mir ohne Verzögerung klar war, dass er mich entweder um Geld oder ein Nachtlager bitten würde. Deshalb schüttelte ich ihn nachsichtig ab, was mich nur gerade zwei Schritte aus dem hastigen Tretrhythmus warf, der mich weiterstürmen hiess. Als er jedoch insistierte und fast schon dringlich wurde, wagte ich einen genauen Blick aus aufgezwungener Nähe und blieb selbst wie angewurzelt stehen, da ich den schönen Jungen kannte, aber nicht erkannte, nicht archivieren konnte unter allem Abgelegten. Während er auf mich einsprach, war mir nichtsdestotrotz klar, dass ich weiterwollte und fühlte ich mich nach wie vor eher belästigt als geschmeichelt, dies sicher der Untergrund-Situation geschuldet, dem Auftauchen aus dem Schummrigen, dem üblichen um Geld oder Notdürftiges Angegangen-Werden. Jedoch liess sich die blonde Augenweide keineswegs entmutigen, sondern hielt mich am Oberarm fest. Ein Griff, den ich jederzeit mit Dringlichkeit assoziierte, nie mit Aufdringlichkeit. Für mich stand fest, bei einem solchen Griff war Not am Mann. Also debattierte oder vielmehr verhandelte ich mit dem Geschöpf, es ging darum, dass ich bleiben oder mitkommen sollte. Ich war schwierig zu überzeugen, denn die ganze Situation schien mir nicht geheuer, nicht zuletzt war mir sein Anerbieten unheimlich, weckte mein Misstrauen.
Vergleichsweise schnell hatte ich hinterher, also bei Tagesanbruch entdeckt, an wen mich der Mann in seiner Blüte mahnte und dass es sich nur um den armen Narziss handeln konnte, den Namengeber aller Narzissten, der jedoch, gänzlich anders als diese, an seiner Selbstliebe kümmerlich zugrunde ging, ja bekanntlich aufgrund unbeirrbarer Selbstreflexion Nahrung und alles Naheliegende vergass und am festgewurzelten Ort über dem schmeichelnden Wasserspiegel einging wie eine kümmerliche Pflanze. Neben Narziss kam meinem Traumgebilde ein sehr zart aussehender, haferblonder Brite nahe, den ich flüchtig kannte und der zum Abschied ein ebenso bedeutungsloses wie mich umgarnendes „take care“ in den Raum geworfen hatte. Dass es stets Narzissten waren, denen ich verfiel und die sich deshalb in meinen unterirdischen Seelengewölben tummelten gleich seidigen Zobeln, sollte durch den sketchartigen Traum angezeigt werden. Wieviel Narzisstisches in mir selbst steckte und mich am Drehen hinderte, darüber hinaus. Sinnbildlich daran gezeigt, dass ich mich festhielt und nicht gehenlassen wollte. Hält man sich aber selbst fest, gibt es weder einen Anfang noch ein Ende, exakt wie bei einem Rad.