Liddi, meine Tante

Alles andere als ereignislos ihr Leben; das Leben meiner Tante Liddi. Warum also soll es sanglos verschwinden, erst gelöscht aus allen Reden und Berichten, mündlichem Weiterreichen, dann vertrocknet wie die Hirnmembranen, welche Erinnerungen umhüllten. Nicht doch, sie darf in Ruhe hier ihre Seite erhalten, um Saiten anklingen zu lassen in andern, die vielleicht Ähnliche wiedererkennen, nicht zuletzt in sich selbst.

Eine nicht weg zu ignorierende Wahrheit oder Binsenwahrheit ist es, dass wer oder was nicht schriftlich liegen bleibt, Zettel mit Stecknadel ans Brett geheftet, eben wegstirbt mit der letzten Äusserung aus mitteilungsfreudigem Mund, die nicht weiter aufgenommen wird, der Geringschätzung zum Opfer gefallen, dem Vergessen. Wenn es keine Lippen mehr gibt, die entsprechende Worte formen und verströmen, die Gräber weggeräumt worden sind, um Platz zu schaffen für die Nachgeborenen, springen Blätter ein, die ein Buch werden wollen.

Das über weite Strecken freudlose Leben der Tante Liddi, die solch hartem Urteil vielleicht nicht zustimmen würde, denn sie neigte gar wenig zum Klagen, geknickt sah man sie nur – grosse Aufmerksamkeit vorausgesetzt – im richtigen Moment, diese Vita war gut gewürzt mit Erschütterungen. Zur Untermauerung führen wir gleich die beiden Selbstmorde an: des wichtigsten Mannes ihrer Kindheit, sprich Vaters, und dann noch einmal des Vaterersatzes der erwachsenen Jahre, sprich Ehemannes. Der Vater wählte eine eher weibische Art, aus dem Leben zu gehen, und liess sich verbluten; zumindest macht uns die Statistik glauben, dass Frauen Gewalt und Härte an sich verabscheuen, will heissen, sich am liebsten in den Tod schlafen oder zu Tode bluten. Hatte somit Liddi ihren Mann nach dem Vater gewählt? Einen Zug in ihm gefunden, der ihr vertraut war? Kann man generell sagen, dass die Partnerwahl nie unabhängig von den Eltern stattfinden kann, wie wenig auch immer diese einzugreifen und zu steuern versuchen? Ziehen die geprägten Muster in uns ähnliche Bilder und Typen magnetisch an? Liddis Mann Fritz erhängte sich an der solide fixierten Duschvorhangstange, die Zehenspitzen knapp über dem Boden schwebend. Was beweist, dass man nicht von einem Baum baumeln muss, sondern ein fataler Zentimeter den Unterschied ausmacht; ähnlich wie eine Wasserleiche auch aus einer Pfütze gezogen werden mag, aus dem Plausch- und Planschbecken, ja aus dem Vogelbad, wenn nur die Atmungsorgane, kiemenlos, genügend Wasser zu trinken bekommen. Handkehrum muss ein Krebs mit seinen Metastäschen am richtigen Fleck sitzen und nichts vom Krebsgang wissen wollen, um schnell und anhaltend tödlich zu verlaufen; ja übersieht der Tod mitunter grobe Schnitzer, mutwillige Fahrlässigkeit, Gefährdungen und Lebensgefahren, nimmt keine Notiz von einer Partie Russisch Roulette, wenn gerade nicht bei Laune.

Dieser hängende Onkel Fritz vererbte, wie sich glücklicherweise herausstellte, seinem Sohn einzig den Namen, nicht jedoch die düstere Befindlichkeit oder wurde diese vielmehr aufgewogen durch Mutter Liddis Opportunismus dem sich in allen Facetten anbietenden Leben gegenüber.

Möglicherweise aber hatte gerade Liddi in ihrer freundlichen und annehmenden Art der Kugel im Bauch, die sich gegen Ende hin bildete und sie in ihrer übrigen Magerkeit grotesk verformte, der Selbsttötung eine kleine Hintertür geöffnet, durch die das noch junge Geschwür hereinrollte, bereits siegesgewiss und geschwind rundherum die Tentakeln ansetzte, um sich erst festzusaugen, dann einzuwachsen, schliesslich nur noch, um zu gedeihen. Man könnte solches als passiven Suizid bezeichnen: Einen inneren Sterbehelfer die Regie übernehmen und gewähren lassen.

Oft trug Liddi einen Rock mit weitem Faltenwurf. Sie nannte einen gertenschlanken Körper ihr eigen, der zugleich kräftig wirkte dank der breiten Knochigkeit. Alles an ihr schien lang, als strecke es sich nach der Erde. Im gütigen Gesicht waren selbst nach einem halben Jahrhundert noch die Krater sichtbar, die eitrige Aknepickel ausgeschabt hatten. Liddis Haare ähnelten gern einem strohigen Vogelnest, dessen Farbe wechselte wie Getreidehalme entlang eines Sommers, vom Rötlichen der Erde übers Weizen- hin zum Aschblond, bis sich alle so an die helle Ausgelaugtheit gewöhnt hatten, dass Liddis schliessliche Weisshaarigkeit uns allen als absolut folgerichtig erschien und eben nicht als ein biologischer Vorgang, der früher oder später jeden befällt.

Liddi besass grossen Mut und liess sich von Männern ausnützen. So hatte der Schwiegersohn Carlos leichtes Spiel, als er der Tochter Resi leid wurde und die Schwiegermutter noch immer passabel erschien. Liddi liess ihn, den Kurzen, zwischen die langen Beine und schob alle Gedanken an den Verrat an der Tochter weit von sich, wie man Geschirr sich selbst trocknen lässt und es darüber vergisst. Grad so, als wäre sie bloss dem Kind etwas schuldig gewesen, nicht aber der Tochter in Form einer erwachsenen Frau. Carlos nun, der den Grössenunterschied mit dem Altersunterschied für abgegolten hielt, blieb, allen Unkenrufen zum Trotz, womöglich auch aus Mangel an weiteren geglückten Eroberungen, der Schwiegermama treu, ja wurde dank seines jovialen und praktischen Wesens bei Liddis Verwandten wie ein neuer Gatte akzeptiert, wohingegen niemand der Tochter die Stange hielt, die sich doch nicht so zu haben brauchte.  Diese erstaunliche Toleranz – oder vielleicht besser – verquere Wertung, was die Übertretung Liddis betraf, wurde nicht bloss vom Sohn und damit Bruder übernommen, nein auch von den Nichten, die eindeutig davon abstanden, auf Herz und Nieren zu prüfen, was gesellig und gütig mit am selben Tisch sass. Wobei Carlos mehr für die Unterhaltung sorgte, Güte dagegen als Spezialgebiet Liddis galt.

Selbst die gemeinsamen Kinder von Carlos und Resi sahen keinen Grund für eine Entfremdung gegenüber Grossmama, denn möglicherweise verspürten die Enkel mehr Herz bei ihr, als in der Tochtermutter pochte. Überdies mochte der Vater an allem schuld sein mit seinem siegessicheren Draufgängertum. Während der Enkel Stan eine erfolgreiche Kellnerlaufbahn einschlug und sich zu diesem Zweck wie wohl auch aus Neigung mit einer stämmigen Wirtin vermählte, entschloss sich die schöne Enkelin Dini, welche das ganze Erbe unreiner Haut dem Bruder überlassen hatte, in Büroarbeit auf- wie unterzugehen.

Gleich beim Eintritt in die Wohnung ihrer Schwester Druti, im Entrée noch, fand Liddi Worte nur des Lobes, lobte den Himmel, das Wetter, die Vorsehung, die Einladung, die geglückte Ankunft, die unübertreffliche Strassenbahn. Dieser hymnisch anmutende Gesang setzte sich in der Küche fort, als Liddis prominente Nase all die feinen Gerüche und Gewürze inhalierte, die das Sonntagsmenu an die Luft abgab; auf der kissenbelegten Eckbank dann, die den Stubentisch flankierte – ersteres ein vollständig aus der Mode gekommenes Möbelstück – hatte Liddi zwar noch nicht abgelegt, gab jedoch dem drängenden Wunsch nach, die Ordnung und Aufgeräumtheit zu rühmen, die Spiegelblankheit der Scheiben, die linde Luft sowie aller Gastfreundschaft. Dabei betonte sie besonders gern, wie gütig, ja voll der Güte Druti sei, sich so in Arbeit zu stürzen. Erst im Nachsinnen kam es den Nichten manchmal zu Bewusstsein, wie einfach gewirkt und herzustellen Zufriedenheit sein mag, wählt man den gnädigen Blick auf die Welt. Liddi war zweifellos Drutis Lieblingsgast, da allen andern sonst die mantramässige Aufforderung zum Nachschöpfen, Tellerwiederfüllen, Nocheinmalnehmen irgendwann so auf den Senkel ging, dass sie Nerven zeigten. Mitunter fühlten sich die Nichten genötigt, Druti zu entschuldigen, ja zum Schutz der Gäste zurechtzuweisen, im heutigen Jargon sich fremdzuschämen. Was jedoch nie nötig wurde bei Liddi, die entweder begeistert auf Drutis Ansinnen einging oder sie mit liebgemeinten Floskeln – Nein, wirklich, zu viel der Güte, du hast wieder alle Güte, unmöglich, gut noch ein kleines Löffelchen, jetzt kann ich gar nicht mehr, es kommt ja noch ein Dessert, ich muss Platz lassen, mein Rock, meine Hose – abzuwehren suchte, doch stets mit der inneren Haltung und Begeisterung einer Person, die in ihrem Leben nie so verwöhnt worden war. Meist tischte Druti neben dem Braten oder Ragout, Salat, Gemüse und Nudeln auf, während sie die italienischen Pasta beargwöhnte, die für Gäste oder den Sonntag eindeutig zu wenig hermachten, auch der Wein spielte nur eine Nebenrolle, ja stand hauptsächlich auf dem Tisch, um ihn nicht vorzuenthalten, so dass die Männer, konstant in der Unterzahl, bis zum Kaffee ausharren mussten, um ihren Promillewerten auf die Sprünge zu helfen. Direkt in der Pfanne hätte nie etwas den Leib Stärkendes seinen Weg auf den Tisch und beispielhalt gestärktes Tischtuch gefunden, vielmehr entschied sich Druti für das Service mit Goldrand, das unter der Woche dem Buffet vorbehalten blieb. Neben Porzellanservice, Nussholzbuffet und Silberbesteck gehörte selbstverständlich die mit Monogrammen bestickte Weißwäsche zur Aussteuer einer jeden damaligen Gattin, die den Haushalt hoch und reinlich hielt.

Liddis Mut zeigte sich zum Beispiel darin, dass sie es wagte, noch in ihren Fünfzigern den Fahrausweis anzusteuern, um unabhängig zu werden von männlichen Chauffeuren, wobei Carlos zugutegehalten werden kann, dass er mit Liddi und nicht zu erschöpfender Geduld auf den Parkplätzen der Umgebung Manöver übte, die weder das Getriebe noch die Bremsen schonten, jedoch zum glücklichen Ausgang der Prüfung beitrugen, worauf sich Liddi sogleich einen knuffigen, blauen Kleinwagen anschaffte, der sie in der Folge überallhin brachte, wo die gepriesenen öffentlichen Verkehrsmittel einem zu viel des Umsteigens abverlangten.

Liddis spät begonnene Arbeit auf einer Bank gab ihr, neben der Witwenrente, ein bisschen Sicherheit und Mut, sich etwas zu leisten, zum Beispiel einen Tagesausflug ins Tessin, was immer ein gediegenes Mittagessen, eine ausführliche Kaffeepause sowie gemütliches Flanieren um den See beinhaltete. Eine Kulturreise lag ihr ebenso fern wie das Bedürfnis, die Schweiz zu verlassen. Schliesslich reisten Menschen aus der ganzen Welt hierher, um sich das zu gönnen, was vor Liddis Haustür lag. Der Vierwaldstättersee mit Luzern war in ihren Augen genauso ein Favorit wie die jährliche Bauernmesse, auf der es ländlich roch und wo das Alpen- und Alpakavieh, Braun- und Beigevieh, Eier- und Eutervieh, Fleck- und Fleisch-, Feder- und Flugvieh, Grunz- und Grauvieh, Haus- und Hof-, Huf- und Hornvieh, Klauen- und Krallenvieh, Milch- und Mast-, Muskel- und Melkvieh, Rind- und Riesenvieh, Wuschel-, Woll-, Wieher- und Wiesenvieh, Zottel- und Zugvieh, Wurst- und Brot-, Gross- und Klein-, Kurz- und Langvieh, kurz alles  auf den vier Beinen war, in schönstem Saft und Putz.

 Die Bank wiederum entlöhnte Liddi für ihre Treue, indem Dienstjahre in Goldvreneli umgemünzt wurden, die Liddi wiederum hätte zu Geld machen können, sich jedoch lieber wie eine konservative Bank verhielt.

Erstes Warnzeichen der Liddi schliesslich dahinraffenden Krankheit war eine auf die sehr leichte Schulter genommene Vergesslichkeit, die sie Verabredungen vergessen liess, Einkäufe und Einzahlungen vernachlässigen, Verbindungen verpassen und auch sonst Vieles verschwitzen liess, was ihr ehemals heilig gewesen war. Im Unterschied zu ihrer Familie alarmierte dies Liddi keineswegs, die weiterhin guter Dinge blieb, einfach vermehrt die Hände in den Schoss legte.

Der letzte Enkel, den ihr Sohn Fritz endlich produziert hatte, der kleine Bastian, sorgte für viel Spass am Totenbett, als begnadeter Tierstimmenimitator. Besonders gefiel uns sein Gewieher in den höchsten Tönen, welches er auf Kommando herausposaunen konnte, wahrhaftig in solcher Reinheit nur möglich mit Stimmbändern im zarten Knabenalter. Dieses Vergnügen war ganz in Liddis Sinn, die nie an den letzten Auftritt in einem Drama dachte, vielmehr aufrecht im Bett sitzend an der launigen Runde teilnahm.

 Nachdem sie gestorben war an Weihnachten und kurz darauf beigesetzt, fiel Heiterkeit schwerer, setzte wie sich senkender Nebel das Vermissen ein.