Wespenwesen

Wespen dürfen sich durch die allermeist offene Balkontür in meine Küche verirren, denn fast immer finden sie den Ausgang von alleine wieder, manche jedoch verenden in der Kochecke und schippe ich diese als knisternde Pergamentchen auf Papier, um sie gleich darauf vom Balkon segeln zu lassen. Dürfen sich bei mir verirren sowie ihre Ruhe finden, nicht jedoch kommen, um zu bleiben. Im heissen Sommer im Jahr des Pferdes jedoch fiel es einer Wespendame ein, dieses Gesetz zu missachten. Anfangs kam mir alles unverdächtig vor, selbst wenn in der Küche nun auch abends ein stetes Gebrumme den Ton angab. Ich sortierte die Dezibel und befand, es würde nach kaum mehr als einem Insekt klingen, was mich in Sicherheit lullte. Erst nach Tagen anhaltenden Motorengeräuschs, ausgehend von immer der gleichen Stelle, wollte ich genauer wissen, was da vor sich ging. Ich musste auf einen Stuhl steigen, um so auf dem obersten Küchenregal zwischen glänzenden Töpfen und Grossmutters Abtropfsieben mit leichtem Gruseln und beachtlichem Erstaunen den Beginn, die ersten zementenen Zellen eines Wespenbaus auszumachen. Da mir ein solcher von Nahem nie vertraut gewesen war, formte sich mein Überraschen um zu einer Lektion in Planung und Ingenieurskunst und blickte ich von hoher Warte gründlich auf die neuentdeckte Siedlung. Respekt wollte der Festigkeit der grauen Kugeln bezeugt werden, die es an Härte mühelos mit Beton aufnehmen konnten. Welche mütterlichen Enzyme lieferten dazu wohl den Klebstoff? Die Lärvchen und zahllosen Beinchen waren bunkergleich geschützt. Wenn man weiss, dass in solchem Staat nur die Königin Eier legt, erhielt ich nun permanenten, um nicht zu sagen aufdringlichen Besuch Ihrer Majestät, welches Wunder der Staatengründung mich doch ein wenig mit Ehrfurcht erfüllte. Ferner weiss man, wie die Königin ihre Lärvchen füttert und ihrerseits von diesen genährt, besser gesäugt wird, durch einen besonderen Saft nämlich. Denn erstens hat ihre Hoheit keine Zeit übrig, um für sich selbst auf Nahrungssuche zu fliegen, zweitens werden so die Arbeiterinnen von der ersten Zelle weg auf ihre künftigen Aufgaben eingeschworen. Dass die Königin, so lange es taghell war, hin und her schwirrte wie von der Tarantel gestochen, macht deutlich, wie schwierig es sein muss, ein Volk von Untergebenen zu züchten. All dieser Leistung eingedenk, zog ich nichtsdestotrotz die kühn-kühle Bilanz, dass meine Küche ein Unort gleichermassen sei für Arbeiterinnen, königliche Hoheiten sowie Drohnen; ein solches Ensemble war mir zu eindimensional ausgerichtet, sie mochten sich einen Dachboden suchen. In der Folge kratzte ich die kleinen Kugeln weg, die knödelrund waren und ebenso mit Innenleben begabt, wuselnd-vibrierend. Mir schien es, hunderttausend neuer Geschöpfe strebten zum Leben. Auch diese Geburtsbomben warf ich über den Balkon, mir einredend, geringste Überlebenschancen seien denkbar. Am Wegkratzen sollte ich mir zuvor die Zähne ausbeissen; von blosser Hand war gar nichts auszurichten, mit Gabel oder Schere hantierte ich erfolglos, die zementharten Beulen klebten schwalbennestergleich an meinem Küchenregal. Tatsächlich sah ich mich schließlich gezwungen, mit dem Skalpell zu Werke zu gehen: Die tödlich-dünne Klinge schaffte es. So war ich wieder allein in meiner Herberge, ihre unumstrittene Hoheit, die keines Plurals bedurfte.

Doch nicht lange währte die Dauer meiner Alleinherrschaft, bereits am nächsten Abend nach einem Tag flügelweit geöffneter Balkontüren, durch die die Sommerluft ihre Wärme wolkig verströmte, drang mir erneut ein vertrautes Brummen ans Ohr, mein Blick war nach oben geheftet, auf eben dieselbe Stelle, was nicht wahr sein durfte, bewahrheitete sich; drei kleine Kugeln klebten bereits wieder, diesmal am filigranen Netz eines profanen Siebs, ein Netznest war weniger gewoben denn modelliert worden.Ich wehrte den neuen Anfängen sogleich, schabte ab und aus, die Entsorgung über den Balkon bereits bekannt. Im Ganzen kehrte sie sieben Mal wieder, die grosse Fruchtbare, elegant anzusehen in ihrem braun-gelb gestreiften Kostüm wie eine traurige Dame aus Filmen der 50er-Jahre. Als sie gerade wieder einmal abgeschwirrt war, schloss ich hinter ihr die Balkontür mit unhöflicher Hast, nicht allein um sie loszuwerden, daneben stellte ich auch ihre Beharrlichkeit mit Absicht auf den Prüfstand; diese, wie ich fand, edle Eigenschaft, die sich in mir nur in Prisen fand.  Nun, ein plumperes Aufdringlichsein war mir noch selten zu Gesicht gekommen: Mit sirrend-flügelschlagender Hektik war sie, ganz Nervosität, von einem Punkt der Scheibe zum nächstbesten unterwegs. Dieses unablässige Anklopfen aber, ohne Ermüdungsspuren, Zeichen von Resignation, ohne ein geringstes Kleinbeigebens setzte meinen Nerven stärker zu als ihr bereits gewohntes fruchtbares Herein- und Hinausfliegen. Erstens kann einem ein verzweifelter Feind, der aller Aussichtslosigkeit zum Trotz sich die Flügelränder weiter wund und schartig schlägt, beginnen leid zu tun. Ja, fast beneidet man den Widersacher um solch heroischen Mut zum Untergang. Auch erbarmen einen Tiere mehr als Menschen, da erstere sich die inneren Programme, denen gemäss sie zu leben und einzugehen haben, nicht selbst verordnen. Zweitens kam hinzu: Diese Wespenbeharrlichkeit wurde mir durchaus unheimlich; nicht diese eine kess schlankgestreift Geflügelte kämpfte gegen mich, die da in der Küche das Zepter führte, nein, sie war da als Vertreterin der Gattung, deren Anlage sie ausmachte. Und was ist Gattung anderes als unbeirrbar replizierte Beharrlichkeit? Und was hätte Beharrlichkeit schon nicht fertiggebracht, bedeutet sie doch ein Kräftemessen nicht mit dem Gegner, vielmehr mit der Zeit. Wer die Zeit kleinkriegt, so folgerichtig jeden Feind in ihr, mit ihr.

Womit kann diese permanente Widerstandskraft, solch unablässiger Wille zum Wiedervonvornebeginnen nach mehrfachen Orgien der Zerstörung, womit allenfalls verglichen werden? Abgesehen von der Geschichte des Judentums fiel mir nichts Gescheites ein. Völker, so schien es, im Kleinen und Grossen, wurden benötigt, um aus Wüsten Oasen zu schaffen, Wespennester aus Küchen.

Nachdem ich der Widerspenstigen Gelege in Höhlenbeulen ein siebtes Mal zerstört hatte, kehrte mit einem Flügelschlag Grabesruhe ein. Keineswegs jedoch hatte ich gewonnen und fühlte mich ebenso wenig überlegen. Meine Königin hatte ihre Spermien verschleudert, den Samensack ausgeschüttelt, die ihresgleichen eigene Mission erfüllt. Nun war sie frei, gut möglich gemäss Kodex der Wespen eine Versagerin, da jeglicher Versuch der Reproduktion misslungen war, doch war ich mir sicher, sie fühlte sich nicht als solche, nun da sie herumschwirren durfte als neugeborenes Individuum.  Als dieses vermisste ich sie mitsamt Anlagen.