Hinter der Kabinenwand

Wie gewohnt wollte sich Alfa noch die Beine eincremen, nachdem sie den Slip und den BH bereits angezogen hatte. Sie betrachtete ihr Fleisch mit forschem Blick und walkte die etwas stechend riechende Lotion in die Oberschenkel ein, um der vom Chlorwasser beanspruchten Haut etwas Gutes zu tun. Selbstverständlich war in den normierten Kabinen kaum mehr Privatheit zu haben als in einer Bienenwabe; der Schall fand seinen Weg durch die Trennwände, die weder an den Fussboden noch bis zur Decke reichten. Alfa betrachtete im Spiegel ihr auch nicht mehr junges Gesicht und beurteilte die schwach ausgeprägten Augenbrauen. Da bezogen ein Paar Kinderfüsse und ein Paar plumper Erwachsenenfüsse die Nachbarskabine; das Geräusch der flinken Füsslein auf der nassen, kleingekachelten Unterlage liess an wendige Fischlein denken, die aus dem Netz auf den Grund eines Bootes geschüttet werden. Kurz darauf hörte sie das Herunterziehen nasser Badehosen über die Schenkel. Der Vater meldete sich zu Wort: „Jetzt gut abreiben, du musst ganz trocken sein.“ Alfa hörte ein nicht stillstehendes Kind und war sich keiner Indiskretion bewusst, denn allen war bewusst, dass jeder dem Kabinennachbarn ein Schauspiel für die Ohren lieferte.

„Das heisst, keine Schuhe tragen hier. Schuhe müssen ausgezogen werden. Ja, Badelatschen. Badelatschen geht schon“

Alfa fragte sich, ob sie die Frage verpasst habe, dann sah sie das Verbotsschild, das wohl an jeder Kabinentür klebte: Ein Damenschuh mit hohem Absatz, darunter ein Herrenhalbschuh befanden sich im roten Kreis. Das Kind musste seinen Finger benutzt oder sich vor das Schild gestellt haben.

Was kümmert es mich, dachte sich Alfa, wenn ein Vater seinem Kind Verbote erklärt und Symbole auflöst. Sie war fertig angezogen und hatte sich die Haare aus dem Gesicht gekämmt. Was das für eine Krankheit sei, Trisomie, hörte sie das Kind von nebenan fragen.

„Die Kinder lernen nicht so schnell, ja gibt auch körperliche Probleme, manche sehen nicht so gut.“, hörte Alfa den Vater in einer beiläufigen Art erklären.  Sie fand es gut, wie er dem Jungen das Syndrom beschrieb, was hätte man auch sprechen sollen von einem Gendefekt; der Junge mochte nicht älter als 5 oder 6 Jahre alt sein. Dass es an sich merkwürdig war, nach dem Schwimmen, beim Ankleiden auf eine solche Frage zu verfallen, wo man doch eben noch beim Schuhverbot war, fiel Alfa nicht weiter auf; Schlussfolgerungen oder Zusammenhangsfäden fielen ihr erst im Nachhinein ein. Überhaupt mochte Alfa den Vater, der sachlich, aber teilnehmend sowie in gutgewählten Worten für jede Frage eine Lösung parat hielt.

Alfa beeilte sich, als sie draussen auf der Kachelbank ihre Schuhe band, denn nun befanden sich alle wieder in der Schuhzone. Im Korridor, der sie erneut mit der erdverbundenen Aussenwelt verbinden würde, trennen würde von dem Wasserreich. Die Schnürsenkel waren länger als sämtliche Spaghetti Italiens und Alfa verfluchte sie. Da setzte sich der Vater schwerfällig neben sie, um seine gut getragenen Lederschuhe über die Füsse zu kriegen. Ein schlanker Junge in Jeans und blauem Pullover sprang gefährlich nahe an ihnen vorbei. Er schien Alfa gross genug für die dritte Klasse.

„Fabian, warten! Jetzt dort warten, bis ich auch fertig bin!“ Der Vater sprach ohne Drohung oder Gereiztheit, mehr als gäbe er eine Regieanweisung. Alfa verpasste ihren Spaghettischnüren die letzte Schlaufe und blickte sich um, bevor sie aufstand. Der Junge stand bereits hinter der Eintrittsschranke und blickte durch dicke Gläser hindurch in Richtung des Vaters oder auch an diesem vorbei. Der schlaksige Körper schien in einer Art Vibration, die Energie war kaum zu halten.

„Fabian! Dort bleiben!“ Es war weder eine Drohung noch ein Befehl. Es war nur die Beschreibung des nächsten Schrittes, den Fabian zu nehmen hatte ohne den Vater. Der nun aber aufstand und seinem Kind entgegenging, als wäre es das Normalste auf der Welt.