Zuwachs

Ich weilte gerade im nüssekauenden, samenschluckenden, hülsenspuckenden Süden, trank gerade mit meinem weizenblonden Freund schwergezuckerte, bitterorangefarbene Limonade, als ich beschloss, die einzige Telefonzelle zu benutzen, die sich auf dem staubtrockenen, beim blossen Anblick Hustenreiz verursachenden Dorfplatz befand. Zwar hatte die Sonne ihren Zenit schon Stunden hinter sich gelassen, doch war der Platz den Strahlen unbarmherzig ausgesetzt, so dass es ihm nicht gelang, in der Kürze der Nacht die Glut loszuwerden, die sich in den Boden gefräst hatte; und morgens vor 8 begann das Aufheizen von neuem. Der Wind hätte Sandfusel zu schlanken Kreiseln aufgewirbelt, man wünschte ihn nicht herbei.  Auf diesem Hauptplatz oder Grossem Platz versiegte Wasser nicht bloss, sondern wurde versengt von der Himmelshitze, bildeten sich keine Tröpfchen am glühenden Verputz der Hauswände, vertrockneten Pflanzen nicht nur, die über keinen ausgeklügelten Wasserhaushalt verfügten, verdorrten oder zerkrümelten vielmehr unter dem herrischen Sonnenblick, schuf das Himmelszelt ein Feuchtigkeitsvakuum, mutierten die obersten Stockwerke zu Reaktoren, die noch lange und heimtückisch Wärme abstrahlten, war längst der Herbst eingekehrt.

Ich muss sagen, mein blonder Freund und ich ernährten uns in der Hitze der spanischen Ebene reichlich gesund; da uns der Appetit wegblieb, der Durst jedoch immer am Gaumen klebte, knabberten wir Kerne, knackten Schalen, liebten getrocknete Südfrüchte, allen voran faltige Feigen; damit uns solches Vogelfutter nicht im Hals stecken blieb, gossen wir Zuckerwasser hinterher, abends Hopfen und Malz. Dies dachte ich, meiner Mutter mitzuteilen, als ich in die Kabine trat, in der es gegen alle Erwartung nicht drückender war als draussen, während ich in strenger Überzeugung davon ausgegangen war, die Scheiben würden zu schmelzen beginnen, wenn man meinen erhitzten Körper dem Kabineninnern hinzufügte.  Mit meinem Blonden war ich bereits drei Wochen auf Tour durch das spröde, rissige Spanien, uns von der rauen Westküste her in das Halbinselinnere hineinlungernd, so gut es eben ging mit einem damals, Mitte der 80er-Jahre, dem Glücksspiel vergleichbaren Bus- und Zugsystem. Schon mehrfach hatten wir von Busstationen aus das Land vereinnahmt, stundenlanges Schwitzen und Brüten hatte uns Bilder eintöniger Dorfstrassen eingeschweisst, einem Brenneisen gleich.

Damals ging meine Mutter gegen die 60 und ich war blutjung und strotzend, zwischen uns dehnten sich die immer gleichen vier Jahrzehnte aus, die mir Mutter in der Geschichte und im Weltenlauf voraushatte, doch sollte ich nach ihrem Ableben weitere Dezennien abspulen. Wie sich zeigen würde, war sie bei ihrem Tod doppelt so alt wie während meiner Geburt, so dass ich damals, kurz nachdem ihr Sarg in den aufnahmebereiten Boden versenkt worden war, hätte mich gebären müssen, um ihr nachzueifern. Dank der geraden runden Zahlen blieb in unser beider Vita alles einfach nachzurechnen: mein Alter plus 40, mein Geburtsjahr minus 40. Deswegen war ich nicht schlecht erstaunt, als Mutter mir am Telefon und mir voll keimender Lebensungeduld mitten im aridesten Spanien, nachdem sie meinen Rapport zu Ende gehört hatte, flattrig-aufgeregt verkündete, unsere Familie hätte Zuwachs erhalten. Da die Rede meiner Mutter in der Regel ironiebereinigt war, verwechselte ich solches in der Hitze des Gesprächs mit frei von Redewendungen, worüber sie sehr wohl verfügte, ein ganzes Arsenal stand ihr zu Gebot. In einem werweiss hitzestaubedingten Kurzschluss der Synapsen dachte ich geschockt, sie hätte meiner Schwester und mir noch ein Geschwister beschert und wie es sein konnte, dass ich bis zu meiner Abreise vor wenigen Wochen, folglich bis zur Hochschwangerschaft, nicht das Geringste bemerkt hätte, noch zur Sprache gekommen wäre. Will heissen, dass ich Mutter einzig in ihrer Funktion als souveräne Zubereiterin von Mahlen und Gängen wahrgenommen hätte, als Instandhalterin des faltenfreien Haushalts, als Büglerin und Glätterin. Diese meine zweckgerichtete Wahrnehmung schockierte mich stärker als die ebenfalls zu unterstellende Annahme, dass meine Eltern sich über den Bettfalz hinweg ein weiteres Mal nähergekommen sein mussten, welche Vorstellung in mir einfach nur weisses Licht hervorrief, sich somit nicht die allergeringste Kontur verschaffen liess. Denn meine Eltern beim Beischlaf zu erwischen, war mir als Kind erspart geblieben, was sicherlich der tiefen Frequenz geschuldet war, mit der er betrieben wurde. Als Pubertierende formte sich in mir gar die Einsicht, mein Vater hätte sich gleich nach dem Schock der beiden Kinder auf Selbstbefriedigung versteift, bei der es niemanden zu umwerben oder umzustimmen galt, auch Unstimmigkeiten oder Misstöne danach garantiert ausblieben, vielmehr er einfach den schlappen Schwanz mit sich schlafen legen, auf sich beruhen lassen konnte.

Dermassen aufgehängt war ich in meinem fehlgeleiteten Gedankengang, der sich ohne mein Zutun weiterspann, dass ich erst mit einiger Verzögerung begriff, als hätten die Schallwellen sich zurückgehalten, dass von einer jungen Katze die Rede war, die meiner Familie quasi zugelaufen, vom Nachbarn zugetragen worden war; streunend, tigernd, maunzend.

„Das also war’s, ich dachte schon“ und dann hielt ich meinen Schnabel, denn ich wollte weder über Mutters Klimakterium Bescheid wissen – ein Ausdruck, den sie selbst nie benutzt hätte, stattdessen verwendete sie den Begriff Abänderung, ein Wort, das faulig  nach dem Tod schmeckte – noch überhaupt ihr zu nahetreten, im Guten so wenig wie im Schlechten. So war folglich zu der alten, schwarzgekleideten Ausgabe unserer Sofakatze, die nur noch mit eingeschlagenen Pfoten und undurchdringlichem Blick in einen ihrer sieben Tode hineinmeditierte, ein farbenfroher Jungspund hinzugekommen, der mit flinken Pfoten und blitzschnellen Äuglein die wohletablierte Sofakultur in skurrile Schieflage brachte, indem sie etwa kunterbunte Glaskugeln mit versiertem Pfotenhieb unter alles rollte, was auch nur auf den allerkürzesten Beinchen stand. Die Murmeln aus ihrem Verlies erneut hervorzuzaubern, blieb dann meist dem Staubsaugerrohr überlassen, welche Rettungsaktion der Zuwachs mit ebensolchen Kugeln von Augen in sicherer Deckung sich nie entgehen liess. Für meinen damals schon greisen Vater, der mit der alten Ausgabe fraternisierte, die stoisch die geäderte, sich auf ihren Hüfthöckern abstützende Hand erduldete, entpuppte sich der Zuwachs als Plage. Ihm wurde jedoch Narrenfreiheit gewährt, solange weder Scherben noch klebrige Flecken von Süssgetränken den Teppich heimsuchten. Wir andern fanden Zuwachs reizend, in jede einzelne Farbe konnte man sich vertiefen sowie in das Ensemble des flauschig weichen Katzenbauchs oder des schmucken Gesichtleins; fanden wir alles ein kleines Wunderwerklein.

Hielten meine Eltern nun, die den Jahren nach längst hätten Grosseltern sein können, Katzen und Kätzchen, um das weitere Ausbleiben von Enkeln zu überbrücken? Zwar hatte mein Bruder, der den Jahren nach hätte mein Onkel sein können, schon vor Urzeiten solche  produziert, bereits im delikaten Mädchenalter war ich als Tante am Begräbnis meines ersten Nichtchens zugegen gewesen, die zweitjüngste vor Ort, ein Ereignis, das sich später, gleich nasser, schwarzer Erde,  nie mehr abschütteln liess; doch zählten die Kinder meines Bruders nicht, nicht die toten Nichten noch die nervösen Neffen, konsequenterweise, muss man einräumen, da er als unehelicher Sohn bereits nichts gezählt hatte, eine Blamage reinsten Wassers. Katzen jedoch würden einen nicht entehren, geschweige denn in Frage stellen.

Leider fiel Zuwachs nach zwei Kapriolen-Jahren seinem turbulenten Temperament zum Opfer, das nicht im Takt ging mit dem tapsigen Balanciertalent, so dass Zuwachs schliesslich von der Balkonbrüstung stürzte, in seinem Fallschirmfall nur aufgefangen von der Teppichstange, die das Rückgrat ihm brach, wodurch er gleich einem Ledersack landete. Während der mitstürzende Geranienblumentopf mit den aufdringlich roten Blüten in grosse Tonscherben zwar zerbrach, die Erde jedoch dank dem dichtgeflochtenen Wurzelwerk eins blieb und nur unweit der zerbrochenen Katze zu liegen kam. Da das Zuwachsköpfchen ganz intakt geblieben war, half der liebe Doktor Tage später mit Sterbehilfe in Form einer Schlummerspritze nach, worauf der gute Tod eintrat. Unser Familienleben wurde danach wieder trister, wie von einer blassen, kalkfleckigen Schale umgeben.

Doch möchte ich zurück zum infernalischen Höllenboden des aridesten Spanienjahres meiner Geschichte, als selbst der Schweiss auf der Haut gleich wieder in Rümpfe und Ritzen versickerte, zu Salz verkrustete, die reine Schleckerei für hautzahme Katzen und Hunde.

Meinen sonnenheissen Freund liess die Zuwachsgeschichte kalt, das regte bei mir Zweifel: War ich des Erzählens nicht mächtig, war ich als Person nicht interessant genug, war ich zu wenig auf ihn eingestiegen? Keineswegs wäre es mir eingefallen, ihm etwas vorzuwerfen, der in der sengenden Hitze vor sich hinbrütete gleich einem Spiegelei. Sein Vorschlag, zurück ins Hotel zu gehen, um sich etwas hinzulegen, hätte allermindestens von meinen Urgrosseltern stammen können und trug ihm dann doch einen konsternierten Seitenblick meinerseits ein. Als wir zwei Wochen später auf dem Madrider Flughafen unsere überzahlten Heimflüge kauften, war mir klar, während dem Blonden nahrhafter Schweiss in die Augen rann, Spanien würde für lange Zeit von meinem Radar verschwinden, die lieber fleissig zu Hause Neues entdeckte und in die Tiefe ritt.